Ein leistungssportliches Training führt den Athleten anders als ein gesundheitsorientiertes immer wieder in Situationen, die den Körper so stark belasten, dass er nahe an die Grenze seiner Regenerations- und Regulationsfähigkeit gelangt. Störungen wie Überlastungsbeschwerden und Infektanfälligkeit, sind deshalb relativ häufig anzutreffen. In der sportmedizinischen Diagnostik und Therapie von Überlastungsbeschwerden konzentriert man sich in der Regel sehr stark auf (bio-)mechanische Faktoren und den Ort des Schmerzgeschehens. Nicht selten lässt sich aber bei der Untersuchung am Schmerzort selbst weder klinisch noch mit bildgebenden Verfahren eine Ursache der Beschwerden ausfindig machen. Und ebenfalls nicht selten bleiben die Beschwerden oft wochen- und monatelang bestehen, trotz Ausschalten und Behandlung möglicher mechanischer Ursachen am Bewegungsapparat und den lokal therapeutischen Maßnahmen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist es an der Zeit, sich auf die Suche nach übergeordneten Störungen zu machen und die Gesamtbelastungssituation des Patienten zu betrachten. Dabei bieten sogenannte „alternative Heilverfahren“ die Möglichkeit, die Symptome des Patienten zusätzlich aus einer anderen diagnostischen Sichtweise zu betrachten und ergänzende Therapiemöglichkeiten anzubieten. Eines der ältesten dieser Verfahren, die traditionelle chinesische Medizin, von der die Akupunktur bei uns am bekanntesten ist, hat in den letzten Jahren auch in der modernen westlichen Welt eine Renaissance erfahren. Die schmerzhemmende Wirkung der Akupunktur ist mittlerweile wissenschaftlich abgesichert, die regulierende Wirkung auf gestörte Funktionen gut belegt. Von der WHO wird die Akupunktur bei zahlreichen Krankheitsbildern als Therapieverfahren empfohlen wie z. B. Schmerzzustände (Zahnschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne), entzündliche Erkrankungen der Gelenke, Überlastungsbeschwerden am Bewegungsapparat, Erkältungen, Nasennebenhöhlenentzündungen, Asthma, Augenerkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen u. a..

Was leistet die Akupunktur?

Der Akupunkturlehre liegt das Meridiansystem der traditionellen chinesischen Medizin zugrunde. Dieses kann als ein über den gesamten Körper gelegtes Netzwerk reflektorischer Punkte auf der Körperoberfläche verstanden werden, das in Wechselwirkung mit inneren Organen, mit äußeren Einflüssen und auch mit emotionalen Zuständen steht. Viele dieser Punkte liegen über wichtigen Muskelgruppen, einige entsprechen sog. Triggerpunkten, die auch in der westlichen Medizin bekannt sind. (Funktionelle) Störungen innerer Organe können zu Funktionsveränderungen der zugeordneten Muskelgruppen oder Bindegewebsstrukturen führen (Abschwächung oder Tonuserhöhung mit Verkürzung). Umgekehrt bewirkt die Reizung solcher gestörter Areale, z. B. mit der Akupunkturnadel einen Wechselwirkungseffekt mit dem Funktionszustand innerer Organe oder auch emotionaler Zustände und kann therapeutisch genutzt werden. Ein solches reflektorisch zusammenhängendes System wird auch als Funktionskreis bezeichnet. Zu einem Funktionskreis gehören lokale Strukturen im Meridianverlauf, Gewebeschichten (Muskulatur, Bindegewebe, Haut, Knochen), bestimmte Wirbelsäulenabschnitte, innere Organe, Zähne, emotionale und geistig-seelische Faktoren, äußere Faktoren (Kälte, Wärme, Nässe, Trockenheit, Wind) und Sinnesfunktionen (Sehen, Riechen, Schmecken etc.).

Eine harmonisierende Therapie des ganzen Menschen

Durch eine genaue Befragung und Untersuchung des Patienten können Symptome und Befunde im Sinne der Funktionskreise in einen Zusammenhang gebracht werden, der dem westlichen Verständnis nur schwer zugänglich ist. Da die Menschen über viele Jahrhunderte hinweg die technisch-diagnostischen Möglichkeiten der Neuzeit nicht besaßen, beobachteten und beschrieben sie Symptommuster, die häufig zusammenhängend auftraten oder bei entsprechender Therapie gleichzeitig zusammenhängend beeinflusst werden konnten. Das primäre Ziel war und ist dabei nicht die Suche nach und das Ausschalten der einen Ursache, sondern das Wiedererlangen eines harmonischen Gleichgewichtes der Funktionskreise eines Menschen, also ein ganzheitlich orientierter Therapieansatz ohne direkte Ursachenforschung. Ein solcher Therapieansatz ist ideal im Sport, bietet er doch die Möglichkeit, gestörte Funktionen bereits wahrzunehmen und regulierend einzugreifen, bevor diese zu Beschwerden führen müssen. Gerade im Leistungssport ergibt sich damit eine komplementäre Behandlungsmöglichkeit, die die gängigen Verfahren ergänzt, ihnen vorgeschaltet werden kann und nicht im Widerspruch zu ihnen steht. Finden sich in einem Funktionskreis einzelne Störungen, so sind die anderen dazugehörigen Strukturen aufgrund der Wechselbeziehung zueinander ebenfalls vermehrt anfällig für Störungen. Die mechanische Belastung oder Überlastung im Sport ist dann oft nur der Auslöser für Beschwerden im Bereich einer im Prinzip bereits zuvor in ihrer Funktion gestörten Struktur.
Ein typischer Hinweis für derartige Störungen ist z. B. der Fall, wenn eine einmalige übermäßige mechanische Beanspruchung zu Beschwerden führt, die sich dann quasi verselbständigen, d. h. auch bei länger Entlastungszeit nicht besser werden. An solche Störungen muss auch immer gedacht werden, wenn sich im Bereich der Schmerzen kein struktureller krankhafter Befund finden lässt (z. B. Achillessehnenbeschwerden ohne krankhafte Veränderungen der Sehne, des Sehnengleitgewebes oder der Schleimbeutel). Durch eine fachgerechte Akupunkturtherapie wird Einfluss auf den ganzen Funktionskreis im Sinne einer Stabilisierung genommen, d. h. die Wirkung geht über eine reine lokal schmerzreflektorische Therapie hinaus. Das Wissen um die Zusammenhänge eines Funktionskreises ermöglicht es uns ferner, durch begleitende Therapiemaßnahmen weiterer Symptome das Gesamtstörpotenzial zu reduzieren und die Regulationsfähigkeit, d. h. die Selbstheilungskräfte aber auch die Regenerationsfähigkeit des Körpers, zu stärken.

Der Funktionskreis

Lunge/DickdarmAls Beispiel soll der Funktionskreis Lunge/Dickdarm dienen: Zu diesem Funktionskreis gehören große Teile des Schleimhautsystems (Dickdarm, Atemwege, v. a. auch die Schleimhäute der Nasennebenhöhlen), die Haut, Abschnitte der unteren HWS, der oberen BWS und der unteren LWS, bestimmte Backenzähne, eine emotional-seelische Komponente (Loslassen, Hingabe, Austausch, Intuition, Kreativität) und die Strukturen im Verlauf des Lungen- und Dickdarmmeridians (NNH, vordere Schulterabschnitte, Ellbogenaußenseite, Unterarmstreckmuskulatur). Störungen in diesem Funktionskreis sind außerordentlich häufig, da dieser ganz im Sinne des Austausches und Kontakt mit der Umwelt steht (Atmung, Haut, Darm, Immunsystem). Dabei spielen die Faktoren Umweltbelastung und Ernährung eine ganz entscheidende Rolle. Die aktiven und passiven Strukturen des Bewegungsapparates, die z. B. im Verlauf der zugeordneten Meridiane liegen, sind dadurch häufig störanfälliger. Schmerzen im Bereich der Handgelenkstrecker (Tennisellbogen), der unteren HWS oder auch LWS sind häufig zu findende Störungen, wobei sich bei der bildgebenden Diagnostik nicht immer ein krankhafter Befund zeigt. Das Funktionskreisdenken bietet zu den konservativ-schulmedizinischen Therapieverfahren interessante Alternativen: Akupunktur von Nah- und Fernpunkten der betroffenen Meridiane, Ohr- oder Schädelakupunktur, Ernährungsumstellung, Einbeziehen des Zahn-Kieferbereichs (z. B.) Herdsanierung, Neuraltherapie NNH-Bereich) manualtherapeutsiche und osteopathische Behandlungstechniken, Fußzonenreflexmassage. Das Erkennen und das Bewusstsein um solche Zusammenhänge ermöglicht es dem Sportler, durch eine entsprechende Lebensweise seine Funktionskreise in Ordnung zu halten. Je weniger Störungen vorhanden sind, desto harmonischer verläuft der körpereigene Energiefluss und desto leistungs- und gesundheitsstabiler ist der Organismus. Es bleibt zu wünschen, dass dieses z. T. jahrtausend alte Erfahrungswissen im Dschungel der Gesundheitsreformen und Technisierung nicht auf der Strecke bleibt. Für denjenigen der wach ist und sich selbst beobachtet, bietet es viele einfache Möglichkeiten einer echten Prävention!

Dr. med. Jürgen Zapf
ZaGoMed – Gesellschaft für präventive Gesundheitsleistungen und Sportmedizin
Bayreuth

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