Mit allen Mitteln und Kräften durch die Krise

Durch SARS-CoV-2 droht den Townships, Slums, Favelas, kurz: den Armenvierteln dieser Welt ein dramatischer Medikamenten-Notstand. Schlimmer als je zuvor. Wie die Hilfsorganisation „Apotheker ohne Grenzen e. V.“ (AoG) der Pandemie die Stirn bietet

Es war eine schwierige Entscheidung. „Wir hatten aber keine andere Wahl, als unsere Kollegin von den Philippinen zurückfliegen zu lassen“, erklärt Stefanie Pügge, seit 2012 Projektkoordinatorin der Hilfsorganisation „Apotheker ohne Grenzen e.V.“ (AoG). Der Grund? Kurz nach Neujahr häufen sich teils mysteriös betitelte Berichte über eine Infektion in China. „Bald darauf hatten wir zwar noch Einsätze im Ausland, in Burundi* und Haiti“, so Stefanie Pügge. Dort bemerkt die Apothekerin jedoch schon bei den Einreisen einige Besonderheiten: Auf den Flughäfen liegt viel Aufklärungsmaterial aus. Poster informieren über Symptome und Verhaltensregeln. „Unsere Reisehistorie wurde dokumentiert“, erinnert sich die Projektkoordinatorin. „Wir wurden gefragt, ob wir in China waren. Teilweise wurden Temperaturmessungen durchgeführt. In den Ländern war das Thema ‚Corona’ schon sehr präsent.“ Anfang März dann, als hierzulande erste Veranstaltungen abgesagt werden, beschließen die Verantwortlichen, umgehend alle AoG-Einsatzkräfte aus dem Ausland zurück nach Deutschland zu holen. Reisen sind bis auf weiteres tabu. Ab sofort müssen die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter ihre Arbeit neu strukturieren, beispielsweise aus dem Homeoffice den Kontakt zu den teils von der Organisation geschulten Kollegen in den Projektländern halten. Denn auf keinen Fall dürfen dort die Hilfsaktionen stoppen. Das hat sich Apotheker ohne Grenzen mit der Gründung im Jahr 2000 auf die Fahne geschrieben.

Hilfskräfte kämpfen gerade an vielen Fronten

Inmitten der eigenen Wertewelt in Frieden und Wohlstand gerät Folgendes leicht in Vergessenheit: Der unmittelbare Bezug von Medikamenten gehört für Menschen in Armut nicht zum Alltagserleben. In Burundi zum Beispiel, eines der ärmsten Länder der Welt, ist es nicht selbstverständlich, sich mit Fiebermitteln, Schmerztabletten, Wundsalbe oder Nasenspray selbst zu versorgen. Dafür reicht das Einkommen nicht. Lebensgefährlich schlägt die unzureichende Verfügbarkeit von Arzneimitteln bei Infektionen zu, die dringend mit Antibiotika behandelt werden müssen. Covid-19 sei laut Stefanie Pügge aufgrund der besonderen Situation eine enorme Belastung, weil die weltweite Krise ihre Schatten auch auf die normale Versorgung chronisch Kranker mit beispielsweise Bluthochdruck oder Asthma werfe. Weil nämlich die geltenden Reisbeschränkungen die Lage noch komplizierter machten. Apotheker ohne Grenzen kümmert sich zwar gewissenhaft um die Beschaffung von Medikamenten, die qualitativ in Ordnung sind. Doch geschlossene Grenzen bedeuten insofern Lebensgefahr, als sich der so dringend benötigte Arzneimittel-Nachschub verzögert. Schlimmstenfalls bleibt er sogar ganz aus.

Eine weitere Herausforderung zeige sich vor allem bei der Prävention der Lungenkrankheit in den Slums, in denen soziale Distanz schier unmöglich ist. Aber: „Die Bevölkerung war früh sensibilisiert, was die Verbreitung von SARS-CoV-2 angeht. Sie wissen, wie wichtig die Hygienemaßnahmen sind“, so Pügge. Dennoch funktioniere Krisenbewältigung in dem Fall nicht wie bei einem klassischen Nothilfeeinsatz nach Wirbelstürmen oder Überschwemmungen, bei denen die Einsatzkräfte vor Ort effektiv unterstützen können (siehe Interview). „Wir erleben außerdem gerade, dass Medikamente und Schutzausrüstung immer teurer und knapper werden.“

Hoffnung aufgeben? Niemals.

Trotz der durch die Pandemie hervorgerufenen Widrigkeiten bleibt Zuversicht der Motor aller Ehrenamtlichen, die im Dienst der Hilfsorganisation stehen. „Ich glaube, dass Respekt und das Bewusstsein für die Gefahr bei der betroffenen Bevölkerung vorhanden sind“, sagt Stefanie Pügge. „Die Menschen in den Krisenländern wissen, wie es um ihr eigenes Gesundheitssystem bestellt ist. Sie blicken der Tatsache ins Auge, dass es deswegen besondere Probleme geben kann. In Burundi haben die Menschen gerade die Bedrohung durch Ebola aus dem benachbarten Kongo hinter sich gebracht. Jetzt nutzen sie ihre Erfahrungen der Vergangenheit, haben Regeln zur Ansteckungsvermeidung verinnerlicht und sind viel schneller bereit, das fortzusetzen, was sie durch das Ebola-Virus schon gelernt haben. Wir hingegen kennen das hierzulande nicht so.“ Mit der Pandemie offenbart sich Stefanie Pügge und ihrem Team aber noch ein weiteres schwerwiegendes Problem. „Die Spendenbereitschaft ist für andere Krisen und Not-Regionen durch SARS-CoV-2 leider gerade viel geringer als sonst“, so Pügge. „Wir sind sehr dankbar für jeden Unterstützer und Förderer und freuen uns immer über Spenden, damit wir Menschen in Not weiterhin pharmazeutisch versorgen und deren Leben bewahren können.“

Von Arzneimittelspenden aus Privathaushalten rät die Apothekerin jedoch ab. „Es ist sehr beeindruckend, wie viele Anfragen wir von Privatpersonen, aus Apotheken, Arztpraxen, Restbeständen und von der Industrie immer wieder bekommen“, erklärt Stefanie Pügge. Doch alte Arzneimittel, die zurückgegeben wurden, womöglich schon bei Patienten waren, dürfen laut der Expertin nicht mehr angenommen und in den Verkehr gebracht werden. Für manche Anbieter sei es schwierig zu verstehen, warum sogar neue Medikamente weggeworfen werden müssen. Rechtlich sei dagegen aber nichts zu machen, sagt Pügge. „Leider können wir deutsche Medikamente nicht für das Ausland verwenden. Ganz einfach, weil sie da nicht zugelassen sind. Sie haben zudem deutsche Verpackungen und Beipackzettel, die die Empfänger nicht lesen können.“ Auch seien Transport und Zoll bei Spenden aus Apotheken und Industrie teuer und aufwendig, denn unter anderem müssen diese vor Ort registriert werden. „Effektiver und besser ist es, einen Betrag zu spenden“, weiß Stefanie Pügge. „Damit sind wir in der Lage, bedarfsgerecht die richtigen Medikamente im Projektland einzukaufen. Die Handelswege sind unseren sehr ähnlich. Es gibt dort Großhändler, und wir überzeugen uns unmittelbar vor Ort, dass es gute Lieferanten sind.“

 

Drei Fragen noch, Frau Pügge

Die akute Hilfe nach Katastrophen ist eine von vier zentralen Säulen Ihrer Arbeit. Wie können wir uns diese Maßnahme vorstellen?
Letztes Jahr waren wir in Mosambik nach dem Zyklon Idai. Dort haben wir mit einer lokalen Partnerorganisation gearbeitet und uns vor Ort um die Medikamentenversorgung der betroffenen Bevölkerung gekümmert. Nach dem Hurrikan auf den Bahamas im vergangenen Herbst haben wir zusammen mit einer amerikanischen Partnerorganisation Nothilfe geleistet.

Was bedeutet das genau?
Unter anderem die Beschaffung von Arzneimitteln, das Sortieren von Arzneimittelspenden, die Lagerung ... Die akute Hilfe ermöglicht uns, Notsituationen nach einer Katastrophe zu überbrücken. Ein Beispiel: Durch einem Hurrikan kann das betroffene Gesundheitssystem durch Zerstörung derart geschwächt sein, dass die Versorgung vor Ort eine Zeit lang nicht funktioniert. Zusammen mit medizinischen und technischen Teams kümmern wir uns dann zum Beispiel um die Wasseraufbereitung. Wie bauen Medikamente- und Ärztezelte auf und stellen Materialien zur Verfügung. Je nachdem, wie das Gesundheitssystem vorher aufgebaut war und wie schnell es dort selbst wieder in Funktion kommt, dauert ein Einsatz zwischen vier Wochen und drei Monaten.

Woher beziehen Sie die Mittel?
Für solche Nothilfe-Einsätze gibt es das sogenannte Interagency Emergency Health Kit (IEHK), das von der Weltgesundheitsorganisation WHO zusammen mit anderen Hilfsorganisationen konzipiert wurde. Die Basis dafür liefert die langjährige Erfahrung aus Nothilfeeinsätzen. Es beinhaltet Medikamente und Hilfsmittel zur Behandlung der am häufigsten vorkommenden Krankheitsbilder und Durchführung kleinerer Operationen. Wir können mit diesem Paket drei Monate lang 10.000 Menschen versorgen. Das Hilfspaket umfasst rund 30 Kisten, die wir nach Bedarf ordern können. Die müssen sehr schnell verfügbar sein. Deswegen werden sie schon packfertig bei Lieferanten gelagert, sodass die Fracht im Falle eines Einsatzes umgehend ausgeflogen werden kann. Damit können wir dann erstmal arbeiten und gegebenenfalls zügig nachbestellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
Wenn Sie mehr über Apotheker ohne Grenzen e. V. erfahren möchten finden Sie alle Infos über die Hilfsorganisation hier www.apotheker-ohne-grenzen.de
Oder aktuelle News auf der Facebook-Seite: www.facebook.com/apothekerohnegrenzendeutschland


Apotheker ohne Grenzen Deutschland e.V. (AoG) ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in München und gehört zu dem weltweiten Netzwerk von „Pharmaciens sans Frontières“. Seit der Gründung im Jahr 2000 setzt sich Apotheker ohne Grenzen für eine nachhaltige Verbesserung von Gesundheitsstrukturen von Menschen in Entwicklungsländern ein. AoG leistet schnelle und flexible pharmazeutische Nothilfe nach Katastrophen und unterstützt in langfristigen Projekten lokale sowie internationale Partner mit der Beschaffung von lebenswichtigen Medikamenten und pharmazeutischem Knowhow.
Mit über 2.000 Mitgliedern engagiert sich der Verein in drei nationalen Projekten in Berlin, Mainz und Frankfurt und die fünfzehn, deutschlandweiten Regionalgruppen organisieren mehrmals im Jahr Infoveranstaltungen, Charityevents und Vorträge. Apotheker ohne Grenzen schult zudem pharmazeutisches Fachpersonal in den jeweiligen Projektländern und führt im Inland Einsatzkräfteschulungen durch, um deutsche Apotheker und Pharmaziestudenten auf einen ehrenamtlichen Einsatz vorzubereiten.

*Der zentralafrikanische Binnenstaat Burundi ist mit rund 11 Millionen Einwohnern eines der bevölkerungsreichsten Länder in Afrika südlich der Sahara,. Zugleich ist Burundi eines der ärmsten Länder der Welt. Die Wirtschaft des Landes ist in den letzten Jahren geschrumpft und die Ernährungssituation prekär.