"Es ist auch jetzt schon wichtig, friedensstiftende Projekte auf den Weg zu bringen"

Alexander Busl, Vorstand des Kinderhilfswerks ChildFund Deutschland

Interview mit Alexander Busel

Ein paar Monate nach der Dr. Loges Spendenaktion haben wir mit Alexander Busl, Vorstand von ChildFund Deutschland, über die Arbeit der Helfenden im Kriegsgebiet gesprochen und Bewegendes erfahren – über die Not der ukrainischen Bevölkerung und deren Mut, über Rückschläge und riskante Versorgungsmanöver und über Hoffnungsschimmer, die immer wieder Licht in dunkle Kriegstage bringen.

Im Mai hatte sich die Firma Dr. Loges entschieden, 20.000 Euro für die Ukraine an das Kinderhilfswerk ChildFund Deutschland zu spenden. Wenig später kam seitens der Angestellten noch einmal eine größere Spenden-Summe zusammen, die das naturheilkundliche Pharmaunternehmen auf 10.000 Euro verdoppelte und der Organisation zukommen ließ. In welche Projekte die Spendengelder geflossen sind und wie es derzeit um die Arbeit der Helfenden im Kriegsgebiet bestellt ist, erfahren wir hier.

 

Nur knapp 2.000 Kilometer von uns entfernt spielen sich seit dem 24. Februar 2022 grausame Szenen ab. Tag und Nacht. Bilder des Schreckens und Berichte von Elend und Gewalt fluteten die Medien, sie machen weiterhin Angst, entfachen Wut. Dennoch: Die Hilfsbereitschaft von Menschen auf der ganzen Welt, auch bei uns in Deutschland, war und ist groß. Viele folgten den Spendenaufrufen zahlreicher Hilfsorganisationen, nicht wenige schlossen sich sogar auf eigene Faust zusammen, luden Wohnmobile bis unters Dach mit Hilfsgütern voll und machten sich auf Richtung polnisch-ukrainische Grenze. Doch wie sich schnell herausstellte, waren vor allem privat organisierte Hilfsaktionen nicht in jedem Fall zielführend. Im Gegenteil. So blieben etwa Lieferungen von an sich dringend benötigter Babynahrung, Windeln, Kleidung, Medikamenten und Lebensmitteln auf der Strecke und erreichten die notleidende ukrainische Bevölkerung nicht. Dass es einmal so weit kommt, damit haben wohl die wenigsten von uns gerechnet. Anders die Mitarbeitenden des Kinderhilfswerks ChildFund Deutschland. Sie waren schon länger in Alarmbereitschaft und sind seit Beginn des russischen Einmarschs rund um die Uhr im Einsatz, um bestmöglich Hilfe zu leisten.

 

Herr Busl, wieso scheiterten doch viele der privaten Hilfsaktionen?

Ein Grund ist, dass viele Menschen ganz einfach nicht ahnen und auch nicht wissen können, wie schwierig es in Wahrheit ist, in einem Krisengebiet zu helfen. In der Ukraine scheiterten viele private Hilfsaktionen an den Grenzen zum Land. In der Ukraine selbst gab und gibt es kaum noch zugänglichen Kraftstoff für Autos und Transporter. Gerade in den ersten Wochen des russischen Einmarschs war die Gefahr, von Raketen oder russischem Militär angegriffen zu werden, extrem hoch. Hinzukommt, dass viele Fahrbahnen und wichtige Infrastruktur aufgrund der Zerstörung nicht mehr nutzbar waren. Dadurch konnten die vielen privat organisierten Sachspenden selten ihr Ziel erreichen. Unsere Hilfsorganisation ist schon seit 1978 weltweit im Einsatz und schöpft aus jahrzehntelangen Erfahrungen. Doch eigentlich sind wir eine klassische Organisation aus der Entwicklungszusammenarbeit – keine aus dem Nothilfesektor. Die humanitäre Hilfe, wie wir sie jetzt – auch dank Ihrer Unterstützung – leisten können, ist inhaltlich auch für uns ein neues Thema.

 

In der Ukraine wirkt das Kinderhilfswerk ChildFund Deutschland bereits seit der Annexion der Krim im Jahr 2014. Waren Sie durch Ihre Präsenz im Land vielleicht sogar schon ein wenig auf einen Krieg vorbereitet?

Auf den Ernstfall nicht. Natürlich haben wir monatelang schon die Medienberichte verfolgt. Und das noch viel intensiver, als es im Oktober/November 2021 zu ersten massiven Truppenbewegungen kam und dort enorm viel Militär zusammengezogen wurde. Fortan standen wir in sehr engem Austausch mit unseren ukrainischen Partnerorganisationen. Besonders schwierig war es für uns, weil wir die Lage überhaupt nicht richtig einschätzen konnten: Würde es tatsächlich zum Krieg kommen – oder würde es „nur“ bei einer extrem kostspieligen Machtdemonstration bleiben? Niemand konnte das voraussagen.

 

Und dann wurde das Schlimmste doch harte Realität. Wie sind Sie daraufhin vorgegangen?

Wir hatten sofort eine Task Force eingerichtet, um jeden Tag mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort sprechen zu können und sind seit dem 1. Tag mit ihnen in Kontakt. Viele unserer Ansprechpartner: innen wurden in den Kriegsdienst berufen. Sie haben dann erst einmal ihre Familien zu Verwandten in den Westen der Ukraine gebracht und sind dann zurückgekehrt, um ihren Dienst wiederaufzunehmen. Schon wenige Tage nach Kriegsbeginn, genauer gesagt am 27. Februar, haben wir schließlich mit der Umsetzung der ersten Hilfsmaßnahmen begonnen und weiter viele Familien und Kinder in Sicherheit gebracht. Bis Mai blieb uns nichts Anderes übrig, als extrem flexibel und ganz pragmatisch zu arbeiten. Inzwischen ist ChildFund Deutschland in der Ukraine im Lead und erste Kontaktadresse.

 

Welche waren die ersten Hilfsmaßnahmen vor Ort?
Wir haben schnellstmöglich Lebensmitteleinkäufe organisiert, auch Medikamente, einfach alles, was fehlte und woran es schon bald mangeln würde – und das überall, wo es gerade überhaupt etwas zu kaufen gab. Schnell haben wir finanzielle Mittel an Supermärkte überwiesen. In der Regel nutzen wir bereits etablierte Wege, um Geld ins Land zu bringen. Konkret bedeutet dies, dass wir Geld an unsere Partnerorganisationen überweisen, mit denen wir bereits seit Jahren eng zusammenarbeiten und ihnen auch entsprechend vertrauen. Die Mitglieder unserer Partnerorganisationen sind daraufhin zu den Märkten gefahren, in denen es Ware gab, sie haben alles eingeladen und dorthin gebracht, wo der Bedarf groß war, sprich in die Städte.

 

Ist es riskant, Hilfe zu leisten?

Ja. Leistungen für die Zivilbevölkerung in den Kampfgebieten, allgemein humanitäre Hilfe ist dort nicht gestattet. Offene Unterstützung, die nicht genehmigt und über russische Wege geschieht, ist lebensgefährlich.

 

Und die Helferinnen und Helfer der Organisationen – wie geht es denen, die anderen in Not helfen?

Für sie ist das alles andere als einfach. Manche steigen nach einiger Zeit aus, weil es sowohl körperlich als auch psychisch einfach zu belastend ist. Der Kontakt mit den Leidtragenden, die vielen erschütternden Bilder und Berichte sind schwer auszuhalten: Täglich werden die Einsatzkräfte mit den Folgen von vermintem Spielzeug konfrontiert, das auf den Straßen ausgelegt wurde. Sie hören von verminten Bürgersteigen, auf denen Zivilisten nur kurz zum Bäcker gehen wollten und nicht mehr wiederkehrten. Von Kellergranaten, die schutzsuchende Familien ausgelöscht haben. Von Terror, Zerstörung und Grausamkeiten. Trotzdem machen die meisten von ihnen weiter. Selbstverständlich werden auch Helferinnen und Helfer psychologisch betreut. Deren Unterstützung ist natürlich auch nur durch Spendengelder möglich.

 

Wie konnte denn den ukrainischen Kindern mit den insgesamt 30.000 Euro der Dr. Loges-Spendenaktion geholfen werden?

Ihre Spende wurde umgehend auf Projekte wie beispielsweise die intensive Vorbereitung des Präsenzunterrichts und die psychologischen Versorgungsmaßnahmen wie die Behandlung von traumatisierten Kindern verteilt. ChildFund Deutschland hat einen erheblichen Beitrag geleistet, damit die ukrainischen Kinder umgehend online unterrichtet werden konnten. Bald startet wieder der Präsenzunterricht in den Schulen oder aber in Gebäuden, die extra für den Unterricht ausgestattet werden, falls die Schulen zerstört wurden. Rund 1000 Schulen müssen wieder neu aufgebaut werden. In vielen Städten – vor allem im Westen der Ukraine – kümmern sich Fachkräfte unermüdlich um die psychosoziale Betreuung der zum größten Teil schwersttraumatisierten Kinder und deren Eltern. Unsere Hilfskräfte haben außerdem Herbstcamps vorbereitet. Wir können inzwischen Rehabilitationscamps bedienen, in denen psychotherapeutische Betreuung kombiniert wird mit Freizeitangeboten, um Kindern und Jugendlichen in einer sicheren Umgebung wenigstens ein bisschen Normalität zu ermöglichen.

 

Obwohl ein Ende des Krieges noch nicht in Sicht ist – planen Sie schon Projekte für die Zeit, wenn im Land wieder Frieden herrscht?

Das müssen und wollen wir. Denn wir dürfen nicht vergessen: Nur weil jemand eine bestimmte Staatsangehörigkeit hat, heißt das noch lange nicht, dass der- oder diejenige alles richtig findet, was eine Regierung oder eine Präsidentin oder ein Präsident entscheidet. Deswegen ist jetzt schon wichtig, friedensstiftende Projekte auf den Weg zu bringen. Am Anfang hatten wir bereits über die Krim gesprochen. Dort haben wir Dank der Entwicklungsarbeit seit 2014/15 beispielsweise zwischen dem Westen und dem Osten eine Karawane der Freundschaft aufbauen können. Das heißt: Wir haben Besuche von Kindern und Jugendlichen in die jeweils andere Region ermöglicht und damit die Türen für den Austausch geöffnet. Ich bin mir sicher, dass die nächste Phase wieder davon geprägt sein wird, Kontakte herzustellen und Versöhnung zu ermöglichen.

Aufgezeichnet von Alexandra Suhling und Constanze Bausch

 

Hier geht es zum ausführlichen Interview.

 

 

 

 

 

Impressionen aus der Ukraine

Infos zu CHILDFUND

Seit 1978 setzt sich ChildFund Deutschland e.V. dafür ein, benachteiligten und in Not geratenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu helfen und ihre Zukunftschancen zu verbessern. Der Verein engagiert sich in über 30 Ländern weltweit, u.a. in Äthiopien, Indien, Kenia, Sambia, Sri Lanka, Uganda und der Ukraine. Die Themenschwerpunkte liegen in der Entwicklungszusammenarbeit, Friedensbildung, humanitären Hilfe, Konfliktprävention und in der Übergangshilfe. Umgesetzt werden die Schwerpunkte in Form von Patenschaftsprojekten, Spendenprojekten und Projekten in Kooperation mit Stiftungen und öffentlichen Mittelgebern. Patenschaftsprojekte helfen gleich dreifach, sie decken die Grundversorgung eines Patenkindes, fördern die Familie des Patenkindes durch Schulungen zur Einkommensförderung und fördern die gesamte Projektgemeinschaft bspw. durch den Bau eines Brunnens. Spendenprojekte und öffentlich geförderte Projekte sind themenfokussierte Projekte in Ländern weltweit bspw. die Unterstützung von krebskranken Kindern in der Ukraine.

 

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