Die Weiße Nieswurz, auch Weißer Germer genannt, ist eine großblättrige Gebirgspflanze mit weiter Verbreitung. Ihr botanischer Name lautet Veratrum album. Aufgrund der starken giftigen Wirkung wird Veratrum album mittlerweile nur noch als homöopathisches Arzneimittel angewendet.1,2
Die Pflanze Veratrum album
Die mehrjährige krautige Pflanze Veratrum album, im Volksmund auch Weißer Germer oder Weiße Nieswurz genannt, gehört zur Familie der Germergewächse (Melanthiaceae). Sie wächst auf feuchten Böden in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas, in Nordasien, Japan, Sibirien und der Arktis.2
Veratrum album erreicht Wuchshöhen von 50 bis 150 Zentimetern. Ihr Stängel ist dicht behaart und mit wechselständig angeordneten Blättern besetzt. In den ersten Jahren bildet die Pflanze vor allem Blätter aus, von denen die untersten breit, oval und bis zu 20 Zentimetern lang sind, die oberen dagegen lanzettenartig. Die Unterseite der Blätter ist flaumig behaart mit deutlichen, parallel verlaufenden Blattnerven. Die weißen, gelblichen oder grünen Trichterblüten stehen büschelweise in einer großen Rispe und blühen von Juni bis August. Ohne sichtbare Blüten besteht Verwechslungsgefahr mit dem Gelben Enzian. Die zwei Pflanzen lassen sich aber an der typischen Blattstellung leicht unterscheiden. Während beim Gelben Enzian die Blätter gegenständig angeordnet sind, hat der Weiße Germer wechselständige Blätter. Veratrum album wurde bereits in der Antike als Heilpflanze verwendet und war lange Zeit ein verbreitetes Mittel in der Volksheilkunde.1,2,3
Wirkung von Veratrum album
Veratrum album enthält in allen Pflanzenteilen, aber vor allem in der Wurzel, als Hauptwirkstoffe sogenannte Alkaloide. Die stickstoffhaltigen, organischen Verbindungen kommen natürlicherweise in Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen vor. Pflanzen schützen sich damit vor Fressfeinden oder Krankheiten. Auf den menschlichen und tierischen Organismus können Alkaloide eine starke Wirkung haben und zum Beispiel Krampfanfälle, Atembeschwerden und Halluzinationen auslösen.2,4
Früher wurde die Wurzel von Veratrum album als Mittel gegen Bluthochdruck eingesetzt. In der Volksmedizin fand die Pflanze zudem Verwendung bei Herzrhythmusstörungen, zur Linderung von Krämpfen sowie gegen Erbrechen und Durchfall, etwa bei Cholera. Außerdem wurde sie als Brechmittel und bei Fieber angewendet. Äußerlich kam Veratrum album bei Gelenkschmerzen, Neuralgien, Gicht und rheumatischen Beschwerden zum Einsatz. Wegen der stark giftigen Wirkung wird Veratrum album heute nur noch in der Homöopathie verwendet, wo sie durch die extreme Verdünnung (Potenzierung) sicher angewendet werden kann.2
Veratrum album in der Homöopathie
Die Homöopathie basiert auf dem Prinzip der Ähnlichkeitsregel: Ein Mittel wird eingesetzt, das bei Gesunden ähnliche Symptome hervorruft wie die Krankheit selbst. Der Begriff „Homöopathie“ bedeutet daher „Behandlung durch Ähnliches“ und unterscheidet sich damit deutlich von der Schulmedizin, die Krankheitssymptome mit entgegengesetzt wirkenden Substanzen (auch Allopathie genannt) behandelt. Die homöopathischen Mittel werden aus pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Stoffen sowie aus Extrakten kranker Gewebe und Körpersekrete hergestellt. Die Herstellung erfolgt nach dem Verfahren der Potenzierung, bei dem die Ausgangsstoffe schrittweise verdünnt und geschüttelt werden. Dabei entsprechen D-Potenzen einer Verdünnung von 1:10, C-Potenzen 1:100 und LM-Potenzen 1:50.000. Hohe Potenzen sind so stark verdünnt, dass sie im Grunde keinen Wirkstoff mehr enthalten. Dann wird nach der Lehre der Homöopathie nur noch die Information der Substanz an den Körper abgegeben. Durch die Potenzierung können so auch möglicherweise giftig wirkende Substanzen wie etwa Veratrum album sicher eingenommen werden. Homöopathische Mittel werden meist als Tropfen, Tabletten oder Zuckerkügelchen, sogenannte Globuli, verabreicht.5,6
Veratrum album als homöopathische Arznei soll eine kräftigende und regulierende Wirkung auf den Organismus haben. Homöopathen setzen das Mittel hauptsächlich bei Kreislaufschwäche mit der Tendenz zu Ohnmachtsanfällen ein. Weitere Einsatzbereiche umfassen Magen-Darm-Erkrankungen, vor allem starke Durchfälle, sowie psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, soziales Fehlverhalten oder übermäßiger Ehrgeiz. Das Mittel wird typischerweise als Globuli, Tropfen oder Tabletten angewendet und soll in akuten Fällen die Selbstheilungskräfte anregen.7,8